Samstag, Mai 23

Die stille Selbstverständlichkeit eines Vaters

Ich habe einen Vater kennengelernt, dessen Vaterschaft anders aussieht, als man sie sich normalerweise vorstellt. Sein Kind sieht er nicht. Den Kontakt hält er über Messenger, mit kleinen Nachrichten, Emojis, Fotos, Videocalls und Telefonaten. Das, was für andere selbstverständlich ist – das Kind in den Arm zu nehmen, ein Gute-Nacht-Ritual, gemeinsame Mahlzeiten – bleibt ihm verwehrt. Und trotzdem bleibt er Vater. Jeden Tag, immer wieder.

Ich weiß nicht, woher er die Kraft nimmt. Vielleicht aus der Hoffnung, vielleicht aus seiner Liebe, vielleicht einfach, weil er nicht anders kann. Ich weiß nur: Ich selbst wüsste nicht, ob ich diese Stärke hätte. Für mich würde es bedeuten, jeden Tag die Verletzungen, den Missbrauch und die Gewalt, die ich selbst in einer Beziehung erlebt habe, erneut zu spüren. Für mich ist das nichts anderes als häusliche Gewalt im Nachtrennungskontext – nur eben in einer stilleren, aber nicht weniger zerstörerischen Form.

Und genau deshalb habe ich Respekt. Für mich ist er ein stummer Held. Nicht, weil er außergewöhnliche Dinge tut oder sich als stark darstellen will. Sondern weil er seine Vaterschaft als Selbstverständlichkeit empfindet, auch wenn sie auf den kleinsten Rest reduziert ist. Weil er nicht loslässt, obwohl es weh tut.

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