
In den letzten Monaten liest und hört man in Vätergruppen, auf Social Media und in einschlägigen Netzwerken immer wieder die Schlagzeile, Dänemark habe ein Gesetz gegen Eltern-Kind-Entfremdung eingeführt. Das klingt erst mal nach einem Paukenschlag – fast so, als hätte ein europäisches Land endlich das Zaubermittel gefunden, um Kontaktabbrüche, Manipulation und Loyalitätskonflikte nach Trennung zu verhindern. Doch wer genauer hinschaut, erkennt schnell: Diese Reform ist interessant, ja. Aber sie ist keineswegs das, wozu sie manche Akteure hochstilisieren.
Die dänische Reform zielt in erster Linie darauf ab, familiengerichtliche Verfahren zu beschleunigen und klare Konsequenzen bei erwiesenem Boykott einzuführen. Verfahren sollen schneller abgeschlossen werden, damit Kinder nicht monatelang in einem Schwebezustand verharren. Wenn ein Elternteil nachweisbar den Kontakt blockiert, kann das rechtliche Folgen haben – bis hin zu Änderungen bei Sorge oder Umgang. Und der Kindeswille bleibt ein zentrales Kriterium. Auch in Dänemark wird kein Kind gegen seinen erklärten Willen gezwungen. Das sind wichtige Schritte, aber keine Revolution.
Von einem Eltern-Kind-Entfremdungsgesetz kann keine Rede sein. Der Begriff taucht im Gesetz gar nicht auf. Es gibt keine eigenständige Straftat oder ein Delikt „Entfremdung“. Es gibt keinen Automatismus, der sofort Konsequenzen zieht, nur weil ein Elternteil Entfremdung behauptet. Es gibt keine Allzweckwaffe, mit der man Gerichte im eigenen Sinne instrumentalisieren könnte.
Und genau hier fängt das an, was mich richtig ärgert. Mich kotzt es offen gesagt an, dass gerade in den Reihen der sogenannten Väterrechtsinitiativen, Rechtsvertreter und den Kreisen rund um das „Getrennt erziehen“ diese Reform so hochgepusht wird. Es wird so getan, als habe Dänemark nicht nur die Lösung gefunden, sondern zugleich auch das Phänomen Eltern-Kind-Entfremdung offiziell bestätigt. Das ist blanker Populismus – ein durchsichtiges Manöver, um jahrzehntelange misslungene Lobbyarbeit zu rechtfertigen. Fakt ist: Diese Initiativen sind spätestens mit der Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts zum PAS (Parental Alienation Syndrome) krachend gescheitert. Anstatt aus diesem Scheitern Konsequenzen zu ziehen, wird jetzt so getan, als hätte Dänemark das bestätigt, was in Deutschland rechtlich nie Fuß fassen konnte.
Dabei lohnt sich ein genauer Blick auf die wissenschaftliche Ebene. Einerseits ist es Mütterinitiativen über Jahre hinweg gelungen, die sogenannte Hammer-Studie, die wissenschaftlich keineswegs anerkannt ist, immer wieder medial zu platzieren und so politische und öffentliche Diskurse zu beeinflussen. Auf der anderen Seite scheiterten die Väterinitiativen mit ihrer Strategie, das Konstrukt PAS und die dazugehörigen Studien und Papers als Beweis zu verankern – auch diese sind international wissenschaftlich nicht anerkannt. Während also die einen es geschafft haben, ein fragwürdiges Konzept in der Öffentlichkeit stark zu machen, sind die anderen mit ihrer angeblichen Wissenschaft krachend beim Bundesverfassungsgericht gescheitert und voll auf die Schnauze gefallen. Und nun versuchen sie, mit dem „Phänomen“ der Eltern-Kind-Entfremdung erneut Fuß zu fassen – wieder mit Begriffen, die wissenschaftlich nicht haltbar sind, aber populistisch gut klingen.
Mir ist dieses ganze politische Geblubber, das immer darauf abzielt, auf der großen Bühne etwas zu verändern, offen gesagt egal. Ich bin kein Politiker, ich bin ein betroffener Vater. Ein Mann, der physische und psychische Gewalt erlebt hat und der Angst um sein gemeinsames Kind hat. Neben mir, hinter mir und vor mir stehen unzählige andere betroffene Väter und Mütter, die versuchen, sich gegen ewiggestrige Ideologien zu wehren – und die dann in ein System fallen, in dem gelogen wird und gelogen werden darf wie in kaum einem anderen Rechtsgebiet. In dem sich neben einer Vielzahl aus meiner Sicht unseriöser Sachverständiger auch jede Menge ebenso unseriöser Berater die Taschen vollmachen. Ich jedenfalls sehe nicht, dass diese Lobbyisten mich oder andere Betroffene auch nur ansatzweise ernst nehmen.
Denn mit diesem ganzen Phänomen – egal ob man es PAS nennt oder Eltern-Kind-Entfremdung – wird vor allem eins gemacht: Geld. Es gibt eine Vielzahl an Seminaren, Workshops und Weiterbildungen, mit denen Betroffenen angeblich geholfen werden soll, zu verstehen, was da passiert. Doch ohne wissenschaftlich fundierte Erkenntnisse bleibt das alles eine gefährliche Spielerei mit der Not anderer Menschen. Für den Einzelfall bringt es nichts, außer dass man tiefer in den Strudel gerät. Teilweise würde ich bei einigen dieser Seminare sogar von einer Art Gehirnwäsche sprechen. Ich habe Kenntnis von Veranstaltungen aus Väterrechtskreisen, in denen es um den Kampf gegen die „Mutter als Kindesbesitzerin“ geht, gegen alle Behörden, gegen das Gericht. Und indes höre ich von Müttergruppen, die sich gegenseitig Tipps geben, wie man Kinder subtil beeinflusst, etwa bei Übergaben oder im Vorfeld, um den Willen des Kindes in eine bestimmte Richtung zu lenken. Da werden sogar Methoden ausgetauscht, wie man das Kind gezielt verunsichert. Und auch von väterrechtlicher Seite habe ich ähnlich fragwürdige Dinge gehört – von Puppenspielen, die angeblich „Synapsen umpolen“ sollen. Ganz ehrlich: Das ist einfach nur krank, diese ganze Scheiße.
Ich habe mich vor einiger Zeit selbst – unter anderem Namen – an einen dieser Berater gewandt. Als ich dort angab, dass ich nur über begrenzte finanzielle Mittel verfüge, vermittelte man mich an das Netzwerk, in dem ich bereits aktiv war und bin – ein Netzwerk, das mich weniger kostet als ein Netflix-Abo im Monat. Offenbar war ich einfach nicht lukrativ genug. Lobbyarbeit muss sich also finanziell lohnen, sonst verliert man schnell das Interesse an den Menschen, um die es angeblich geht. Es ist ein Geschäft mit der Not, das moralisch längst jede Grenze überschritten hat.
Ich bin sauer, weil ich der festen Überzeugung bin, dass diese Lobbyarbeit – egal ob von Mütternetzwerken, Vätergruppen oder anderen Bewegungen – letztendlich den Betroffenen und vor allem den Kindern schadet. Dieser Schaden wird wie ein Kollateralschaden hingenommen, nicht wichtig genug, um ihn wirklich in den Mittelpunkt zu stellen. Und ja, natürlich gibt es Probleme im System. Natürlich sind Mütter und Väter gleichermaßen Opfer struktureller Schwächen und einer überforderten Justiz. Aber genau deshalb habe ich in diesem Beitrag bewusst darauf verzichtet, das System selbst in den Mittelpunkt meiner Kritik zu stellen. Es spielt keine Rolle, wer in welchem Maße Opfer ist – nichts, absolut nichts, rechtfertigt das Vorgehen dieser Initiativen, Berater und selbst ernannten Experten, die mit der Not von Eltern und Kindern Geschäfte machen.
Meine Kritik wurde in den letzten Wochen mehrfach so ausgelegt, als würde ich damit Gruppierungen unterstützen, die sich gegen die gemeinsame Elternschaft stellen. Meine Gedanken, meine Haltung und meine Aussagen seien gefährlich“, wurde mir gesagt. Aber ich muss nichts nachweisen und nichts rechtfertigen. Ich beschreibe meine Wahrnehmung, meine Erfahrung, meine Haltung. Und sollte jemand diesen Beitrag lesen, sich Gedanken machen, vielleicht sogar entscheiden, sich von einer solchen Beratung oder Gruppierung zu trennen – dann bin ich wohl gefährlich. Aber gefährlich bin ich nur für eines gewesen: den Geldbeutel der Berater und Lobbyisten, die von diesem System profitieren.
Ja, es gibt Entfremdung. Ja, es gibt Situationen, bei denen bei jedem verantwortungsvollen Elternteil die Alarmglocken schrillen müssen – und zwar aus gutem Grund. Aber wenn ich dann diesen Schwachsinn höre von angeblichen Phasen der Entfremdung, dann platzt mir der Kragen. Das ist wie beim Regen: Ein Vater oder eine Mutter kommt völlig durchnässt zu mir, und ich erkläre ihm mit komplizierten Theorien, warum er nass geworden ist. Vielleicht sogar mit der Empfehlung, er hätte schneller unter dem Regen durchlaufen sollen oder sich einen Schirm aufspannen müssen. Klingt klug, hilft aber im Einzelfall kein Stück weiter. Genauso funktionieren viele dieser Entfremdungstheorien: wissenschaftlich nicht belegt, im Einzelfall nicht hilfreich, aber verdammt gut verkaufbar. Und wenn diese Lobbyisten eins können, dann ist es: gut reden.
Die dänische Reform macht trotzdem deutlich, was wirklich wichtig ist: Tempo – schnellere Verfahren schützen Kinder besser als jede Schlagzeile. Verbindlichkeit – wer nachweislich boykottiert, muss mit klaren Konsequenzen rechnen. Und Realismus – der Kindeswille bleibt entscheidend, und kein Gesetz kann verhindern, dass Kinder in Loyalitätskonflikten belastet werden.
Als Vater mitten in diesem System sehe ich, wie verheerend falsche Hoffnungen wirken. Reißerische Schlagzeilen sind Gift, wenn man ohnehin schon zwischen Aktenbergen, Gerichtsterminen und emotionalem Druck steht. Was wir brauchen, sind keine populistischen Etiketten, sondern echte Verbesserungen: Verfahren, die endlich schneller laufen. Strukturen, die Kinder schützen, statt sie jahrelang in Konflikten zerrieben zu lassen. Und einen ehrlichen Diskurs, der nicht Interessenverbänden dient, sondern den Kindern. Es ist Zeit, dass wir in Deutschland weniger über vermeintliche „Entfremdungsgesetze“ reden – und mehr über das, was wirklich hilft. Für uns Eltern. Vor allem aber: für unsere Kinder.
Es mag sein, dass dieser Beitrag an der einen oder anderen Stelle sehr überspitzt formuliert ist. Aber genau das sind meine Gedanken – ungefiltert, ehrlich und aus der Perspektive eines Vaters, der tagtäglich mit den Folgen dieses Systems konfrontiert ist und auch mitbekommen hat, wie Berater Betroffenen das Geld aus der Tasche ziehen, wie verzweifelte Menschen in ihrer Not noch weiter ausgepresst werden. Das macht mich wütend, weil es nicht nur den Eltern schadet, sondern am Ende auch den Kindern.
