Samstag, Mai 23

„Ins Boot holen“

„Ins Boot holen“ – Die Realität? Eher wie eine schlecht organisierte Kanutour: Der eine rudert stromaufwärts, die andere stromabwärts, das Jugendamt verteilt Rettungswesten mit Löchern, die Psychologen diskutieren über die Farbe der Paddel, und das Gericht notiert pflichtbewusst, dass „die Eltern sich offenbar uneinig sind“.

„Alle ins Boot holen“ heißt übersetzt: Wir müssen so lange über Sitzordnung, Rudertechnik und Bootstyp streiten, bis niemand mehr Lust hat, überhaupt loszufahren. In Wahrheit geht es nicht ums Rudern, sondern um Macht: Wer darf vorn sitzen? Wer bestimmt die Richtung? Und wer springt am Ende über Bord, damit das Boot überhaupt noch schwimmt?
Die Theorie vom „gemeinsamen Boot“ scheitert spätestens daran, dass es gar kein Boot gibt. Es gibt zwei Eltern, die sich vielleicht nicht mal auf das Wetter einigen können, und ein halbes Dutzend Professionen, die alle ihre eigene Landkarte dabeihaben. Ergebnis: Alle stehen am Ufer und erklären, warum der andere nicht rudern kann. Das Kind? Sitzt im Wasser und versucht, sich selbst über Wasser zu halten.

Aber ja, holen wir alle ins Boot. Am besten noch den Nachbarn, die Erzieherin von vor zwei Jahren und den Postboten, der das Jugendamtsschreiben gebracht hat. Vielleicht rudert ja irgendwer in die richtige Richtung. Und wenn nicht, macht nichts – dann können wir wenigstens eine „gemeinsame Evaluationssitzung“ am Lagerfeuer abhalten.
Das Bild vom „Boot“ ist schön fürs Plakat, aber nutzlos für die Praxis. Wer wirklich rudern will, braucht keine Metaphern, sondern klare Regeln, Verantwortung und ein Ziel. Alles andere ist Wellness-Rhetorik für Fachkräfte und Alibi-Therapie für Eltern.

Und trotzdem – bei allem Frust, bei aller Ironie über das Gerede vom „gemeinsamen Boot“ – bleibt am Ende genau das: Wir müssen es versuchen. Immer wieder. Denn Kinder können nicht wählen, ob sie mitrudern oder nicht. Sie sind mittendrin, egal wie chaotisch die Erwachsenen paddeln. Das heißt für uns Eltern: Auch wenn Gespräche scheitern, auch wenn man nach jeder Sitzung denkt, dass nichts erreicht wurde, auch wenn die Professionen lieber Konzepte malen, statt konkrete Lösungen zu schaffen – man darf nicht aufhören, den Versuch zu wagen. Nicht für sich selbst, sondern für das Kind.

Aber: Es geht nicht darum, sich dabei selbst aufzugeben. Wer rudert, bis er selbst untergeht, ist für das Kind irgendwann keine Hilfe mehr. Deshalb gehört dazu auch, die eigenen Grenzen zu kennen und zu respektieren. Man kann nicht alles tragen, nicht alles lösen, nicht jeden Konflikt befrieden. Aber man kann zeigen, dass man da ist – verlässlich, so weit es eben geht. Es ist der einzige Weg, auch wenn er oft aussichtslos wirkt. Der einzige Weg, bei dem man sich selbst später noch in die Augen schauen kann – und vor allem seinem Kind. Eines Tages, wenn wir älter sind und die Kinder groß, wird nicht die Frage im Raum stehen, ob das System funktioniert hat. Sondern ob wir alles versucht haben, so weit es in unseren Kräften stand.

Und genau deshalb muss man diesen Weg immer wieder gehen. Weil Kinder spüren, ob man kämpft, ob man da ist, ob man sich bemüht – ohne sich selbst zu verlieren. Vielleicht lässt sich nicht alles retten. Vielleicht fährt das Boot nie ganz in die richtige Richtung. Aber wenn man seinem Kind irgendwann sagen kann: Ich habe alles versucht, immer wieder, innerhalb meiner Möglichkeiten – für dich – dann war es das wert.