
In letzter Zeit bekomme ich viel Lob. Von Menschen, die ich gar nicht kenne. Im Zug, im Supermarkt, am Bahnhof. Es sind immer wieder kleine Situationen, in denen jemand etwas sagt wie: „Wie schön Sie mit Ihrer Tochter umgehen.“ Oder: „Man sieht, dass sie sich bei Ihnen wohlfühlt.“ Ich lächle dann, bedanke mich, aber offen gesagt kommt es nicht wirklich bei mir an. Es prallt irgendwie ab.
Ich weiß nicht genau, warum. Vielleicht, weil die Depression dazwischensteht. Sie lässt das Gute nicht rein. Sie flüstert mir stattdessen zu, dass das alles nur Fassade ist. Dass ich das gerade mal irgendwie hinbekomme, aber bestimmt bald wieder scheitere.
Vor ein paar Tagen war ich mit … auf einem kleinen Jahrmarkt. Sie wollte unbedingt auf das Karussell. Es dauerte etwas, bis es losging, und auf einmal bekam sie Angst. Ich holte sie raus, setzte mich mit ihr auf die Treppe vor der Kasse, nahm sie auf den Schoß. Sie weinte, und ich hielt sie einfach fest. Ich sagte nichts, ich wollte einfach da sein. Irgendwann sang ich leise unser Lied:
„Du bist mein Sonnenschein, liebe …,
du machst mich fröhlich, wenn du lachst.
Auch wenn mal alles nicht so schön ist,
vergiss nie, dass Dadda dich liebt.“
Langsam wurde sie ruhiger. Ich zeigte ihr das Feuerwehrauto und sagte, dass sie da vielleicht einsteigen könnte, wenn sie möchte. Sie überlegte kurz, schaute mich an und nickte. Dann trug ich sie hin und setzte sie in das Auto. Sie blieb ganz ruhig, schaute mich wieder an – und dann lächelte sie.
Das Karussell setzte sich in Bewegung. Und mit jeder Runde lachten wir uns an. Sie im Feuerwehrauto, ich davor, und für einen Moment war alles leicht.
Schon während der ersten Runde rief die Frau an der Kasse mich zu ihr. Man sah ihr an, dass sie gerührt war. Sie drückte mir eine Freifahrtmarke in die Hand und sagte, sie sehe hier jeden Tag Eltern mit schreienden Kindern, Streit, genervte Gesichter. Aber das, was sie da gerade gesehen habe, habe sie sehr berührt – es sei einfach herzzerreißend gewesen. Ich wusste gar nicht, was ich sagen soll. Ich war einfach überfordert. Nicht, weil es mich so freute, sondern weil es mich irgendwie traurig machte. Traurig, weil ich merkte, wie ich diesen Worten innerlich schon zu entgegnen versuchte.
Es ist Teil der Depression. Und es sind immer noch die Folgen des psychischen Missbrauchs. Jahre, in denen jede positive Beziehung zwischen meinem Kind und mir Konsequenzen hatte. Nähe, die zum Problem wurde. Weil sie als Kritik verstanden wurde – als stiller Vergleich, als etwas, das ihr fehlte. Und weil alles, was mir guttat oder uns stärkte, für sie ein Angriff auf ihr eigenes Dasein als Mutter war.
Irgendwann habe ich angefangen, mein eigenes positives Erleben zu unterdrücken. Weil genau solche Situationen oft zu Abwertung oder sogar zu körperlichen Übergriffen geführt haben. Um das alles zu überstehen, habe ich mir einen Zustand geschaffen, in dem ich mir keine nachhaltigen positiven Erfahrungen mehr zugestanden habe. Das war Schutz. Aber es war auch Futter für die Depression.
Und manchmal merke ich, dass genau das der Grund ist, warum Lob so schwer auszuhalten ist. Weil es etwas in mir berührt, das so oft bestraft wurde, wenn es echt war.
Ich denke dann oft, ob ich wirklich genug bin. Ob ich für … der Vater bin, den sie braucht. Ob ich ihr wirklich das gebe, was sie stark macht. Ich weiß, dass ich vieles richtig mache. Ich sehe es, wenn sie lacht, wenn sie vertraut, wenn sie einfach sie selbst ist. Und trotzdem bleibt da diese Stimme, die alles anzweifelt.
Ich wünsche mir, dass ich irgendwann lerne, das Lob wirklich zu hören. Nicht, weil ich Bestätigung brauche, sondern weil ich lernen will, das Gute in mir nicht immer zu übersehen. Vielleicht ist das auch Teil des Heilungsprozesses – nicht immer nur gegen die Dunkelheit zu kämpfen, sondern die hellen Momente einfach stehen zu lassen, ohne sie zu zerdenken.
Und manchmal, wenn sie lacht, höre ich wieder mein Lied im Kopf.
Ganz leise. Und vielleicht glaube ich es in dem Moment ein kleines bisschen mehr.
